Muß immer der Morgen wiederkommen? Endet nie des Irdischen Gewalt? unselige Geschäftigkeit verzehrt den himmlischen Anflug der Nacht. Wird nie der Liebe geheimes Opfer ewig brennen? Zugemessen ward dem Lichte seine Zeit; aber zeitlos und raumlos ist der Nacht Herrschaft. - Ewig ist die Dauer des Schlafs. Heiliger Schlaf - beglücke zu selten nicht der Nacht Geweihte in diesem irdischen Tagewerk. Nur die Thoren verkennen dich und wissen von keinem Schlafe, als den Schatten, den du in jener Dämmerung der wahrhaften Nacht mitleidig auf uns wirfst. Sie fühlen dich nicht in der goldnen Flut der Trauben - in des Mandelbaums Wunderöl, und dem braunen Safte des Mohns. Sie wissen nicht, daß du es bist der des zarten Mädchens Busen umschwebt und zum Himmel den Schoß macht - ahnden nicht, daß aus alten Geschichten du himmelöffnend entgegentrittst und den Schlüssel trägst zu den Wohnungen der Seligen, unendlicher Geheimnisse schweigender Bote.
Die »Hymnen an die Nacht« sind ein Zyklus von sechs eng untereinander verbundenen Poemen, gekleidet in eine eigentümliche Mischung Prosagedicht und Vers.
In vielerlei Hinsicht sind die »Hymnen an die Nacht« ein Gedicht ihrer Zeit.
Ihr Thema ist die Überwindung des Todes im Bewußtsein, denn an der physischen Tatsache des Lebensendes führt kein Weg vorbei.
So lassen sich die »Hymnen« eine religiöse Dichtung nennen, aber der Begriff ist zu allgemein, um diese Dichtung damit hinreichend und trefflich zu beschreiben.»Hymnen an die Nacht« von Novalis, Zweite Strophe
Video:
Hymnen an die Nacht - Youtube
Montag, 1. November 2021
»Hymnen an die Nacht« von Novalis - Zweite Strophe
Samstag, 22. Mai 2021
Die blaue Blume als Symbol der Romantik

Der Dichter und Naturschwärmer Novalis (1772 - 1801) in seinem Roman »Heinrich von Ofterdingen« die »Blaue Blume« als ein Symbol der romantischen Poesie.
Die blaue Blume wurde zum Inbegriff der romantischen Sehnsucht und als solche schwärmerisch verehrt oder als Weltfremdheit verworfen. Eine eingehendere Rezeption des Romans erfolgte erst im 20. Jahrhundert, vor allem im Zuge des Symbolismus.
Genau diese innere Welt heißt es bei Heinrich von Ofterdingen aufzuschließen, um die "verborgene Herrlichkeit der sichtbaren Welt" erkennen zu können. Es beginnt mit einem Traum von einer blauen Blume, einem Erweckungserlebnis, welches einen Prozess, als Reise zum schöpferischen Ich auslöste. Es geht um das bekannte Motiv des Hinabsteigens in die eigene Seele, wo der Protagonist seinem eigentlichen Selbst begegnet und dieses auf wunderliche Weise, später in Form eines geschriebenen Buches in einer Höhle vorfindet.
Auf seiner Reise nach Augsburg lernte er das Märchenhafte, Romantische und Poetische kennen und weiß zunehmend sein bisheriges kindliches Gefühl in eine künstlerische, verbale Form zu verpacken. Sein Potential zum Dichter kristallisiert sich zunehmend heraus und auch der Ton des Buches wird zunehmend allegorischer und märchenhafter. Erklärungen über die Kunst des Dichtertums verwandeln sich kontinuierlich in etwas intuitiv zugängliches, wodurch die Metaphorik weniger durch das Verstandesdenken, als vielmehr dem Gefühl erfahrbar wird.
Ein wunderschöner, bildgewaltiger, aber auch gefühlvoller und träumerischer Roman von Novalis, der leider kurze Zeit später schon verstarb.
Literatur:
Die blaue Blume von Novalis
Donnerstag, 25. März 2021
Friedrich Freiherr von Hardenberg 220. Todestag
Friedrich Freiherr von Hardenberg starb vor 220 Jahren am 25. März 1801 in Weißenfels und mit ihm die deutsche Frühromantik. Seit August des Jahres 1800 war der Dichter der deutschen Frühromantik an Schwindsucht erkrankt.
»Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter« könnte sinngemäß für einen Dichter stehen, der als einer der berühmtesten Dichter und Denker der deutschen Frühromantik gilt.
Friedrich von Hardenberg hatte wahrlich viele Talente: er war Jurist, Bergwerksdirektor und Philosoph. Bekannt wurde er als ein bedeutender Dichter der Frühromantik.
Friedrich Freiherr von Hardenberg verstand und erfasste die Natur besser als Poet denn als wissenschaftlicher Kopf. In seinen Werken spiegelt sich die romantische Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, dem Phantastischen, dem Ahnungsvollen, nach der Kindheit, nach der Philosophie und Religion wieder. So viel romantische Sehnsucht in der Dichtung war selten.
Sein Lebensmotto lautete: Mensch werden ist eine Kunst. Zeit seines Lebens war dieser Künstler auf der Suche nach der geheimnisvollen blauen Blume, doch sein Schaffen wie auch seine Suche nach dieser schöne Blume endete viel zu früh:
Novalis | Novalis | Novalis - Poesie und Poetik | Werke |
Weblinks:
Die grossen Meister der Feder I - www.wissen.de
Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg Biografie - tu-freiberg.de
Novalis-Museum Schloß Oberwiederstedt
Sonntag, 1. November 2020
»Hymnen an die Nacht« von Novalis - Erste Strophe
Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn, das allerfreuliche Licht - mit seinen Farben, seinen Stralen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele athmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut - athmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Thier - vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. Wie ein König der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. - Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt.
Die »Hymnen an die Nacht« sind ein Zyklus von sechs eng untereindander verbundnene Poemen, gekleidet in eine eigentümliche Mischung Prosagedicht und Vers.
In vielerlei Hinsicht sind die »Hymnen an die Nacht« ein Gedicht ihrer Zeit.
Ihr Thema ist die Überwindung des Todes im Bewußtsein, denn an der physischen Tatsache des Lebensendes führt kein Weg vorbei.
So lassen sich die »Hymnen« eine religiöse Dichtung nennen, aber der Begriff ist zu allgemein, um diese Dichtung damit hinreichend und trefflich zu beschreiben.»Hymnen an die Nacht« von Novalis, Erste Strophe
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Hymnen an die Nacht - Youtube
»Das Lied der Toten« von Novalis
Lobt doch unsre stillen Feste
Unsre Gärten, unsre Zimmer,
Das bequeme Hausgeräte,
Unser Hab und Gut.
Täglich kommen neue Gäste,
Diese früh, die andern späte.
Auf den weiten Herden immer
Lodert neue Lebensglut.
Kinder der Vergangenheiten,
Helden aus den grauen Zeiten,
Der Gestirne Riesengeister
Wunderlich gesellt,
Holde Frauen, ernste Meister,
Kinder und verlebte Greise
Sitzen hier in einem Kreise,
Wohnen in der alten Welt.
Keiner wird sich je beschweren,
Keiner wünschen, fortzugehen,
Wer an unsern vollen Tischen
Einmal fröhlich saß.
Klagen sind nicht mehr zu hören,
Keine Wunden mehr zu sehen,
Keine Tränen abzuwischen;
Ewig läuft das Stundenglas.
Süßer Reiz der Mitternächte,
Stiller Kreis geheimer Mächte,
Wollust rätselhafter Spiele,
Wir nur kennen euch.
Wir nur sind am hohen Ziele,
Bald in Strom uns zu ergießen,
Dann in Tropfen zu zerfließen
Und zu nippen auch zugleich.
Uns ward erst die Liebe Leben;
Innig wie die Elemente
Mischen wir des Daseins Fluten,
Brausend Herz mit Herz.
Lüstern scheiden sich die Fluten,
Denn der Kampf der Elemente
Ist der Liebe höchstes Leben
Und des Herzens eignes Herz.
So in Lieb und hoher Wollust
Sind wir immerdar versunken,
Seit der wilde trübe Funken
Jener Welt erlosch.
Seit der Hügel sich geschlossen
Und der Scheiterhaufen sprühte,
Und dem schaudernden Gemüte
Nun das Erdgesicht zerfloß.
Zauber der Erinnerungen,
Heilger Wehmut, süße Schauer
Haben innig uns durchklungen,
Kühlen unsre Glut.
Wunden gibts, die ewig schmerzen,
Eine göttlich tiefe Trauer
Wohnt in unser aller Herzen
Löst uns auf in eine Flut.
Und in dieser Flut ergießen
Wir uns auf geheime Weise
In den Ozean des Lebens
Tief in Gott hinein;
Und aus seinem Herzen fließen
Wir zurück zu unserm Kreise,
Und der Geist des höchsten Strebens
Taucht in unsre Wirbel ein.
Könnten doch die Menschen wissen,
Unsre künftigen Genossen,
Daß bei allen ihren Freuden
Wir geschäftig sind:
Jauchzend würden sie verscheiden,
Gern das bleiche Dasein missen, -
Oh! die Zeit ist bald verflossen,
Kommt, Geliebte, doch geschwind!
Helft uns nur den Erdgeist binden,
Lernt den Sinn des Todes fassen
Und das Wort des Lebens finden;
Einmal kehrt euch um.
Deine Macht muß bald verschwinden,
Dein erborgtes Licht verblassen,
Werden dich in kurzem binden,
Erdgeist, deine Zeit ist um.
»Das Lied der Toten« von Novalis
Das Gedicht „Das Lied der Toten“ verfasste Georg Friedrich Hardenberg, auch bekannt unter dem Pseudonym Novalis, im Jahr 1800 für den zweiten Teil des Romans „Heinrich von Ofterdingen“, den er geplant hatte, jedoch aufgrund seiner Krankheit und seines frühen Todes nicht vollenden konnte. Sein enger Freund Ludwig Tieck gab den ersten Teil des Romans 1802 nach dem Tod Hardenbergs mit einem Nachwort heraus, in dem er auf der Basis seiner Erinnerungen sowie der Notizen des Autors das Vorhaben des Freundes beschreibt und auf dessen übergeordnetes Ziel hinweist: „Denn es war ihm nicht darum zu tun, diese oder jene Begebenheit darzustellen, eine Seite der Poesie aufzufassen, und sie durch Figuren und Geschichten zu erklären, sondern er wollte, wie auch schon im letzten Kapitel des ersten Teils bestimmt angedeutet ist, das eigentliche Wesen der Poesie aussprechen und ihre innerste Absicht erklären. Darum verwandelt sich Natur, Historie, der Krieg und das bürgerliche Leben mit seinen gewöhnlichsten Vorfällen in Poesie, weil diese der Geist ist, der alle Dinge belebt“. In dem vorliegenden Gedicht geht die Dichtung Hardenbergs sogar über das diesseitige Leben hinaus und beschreibt das Leben im Jenseits mit all seinen sinnlichen und geistigen Genüssen.
„Das Lied der Toten“ besteht aus 15 Strophen zu je acht Verszeilen. Das Metrum ist überwiegend ein Trochäus, häufig weisen die Verszeilen jedoch auch Abweichungen auf. Die Kadenzen variieren. Während die weiblichen, klingenden Endungen dominieren, verursachen die männlichen, stumpfen Versenden eine Zäsur am Ende der vierten und achten Verszeilen jeder Strophe. Häufig sind diese Verszeilen außerdem durch ein Enjambement mit der vorangehenden Zeile verknüpft, was dem Klang des Gedichts eine wiederkehrende Struktur verleiht. Das Reimschema des Gedichts ergibt kein zusammenhängendes Bild, das Reimmuster variiert von Strophe zu Strophe. Es empfiehlt sich daher, bei den einzelnen Strophen näher darauf einzugehen.
https://www.youtube.com/watch?v=hOTV6KZElx8
Freitag, 23. Oktober 2020
Friedrich von Hardenbergs Zeit in Jena
Jena war um 1800 das Zentrum der Wissenschaft. In und um Jena herum herrschte eine kurze Zeit lebhaftstester intellektueller Kreativität und Produktiviität, die junge denkbegeisterte, spekulationslustige Leute anzog, wobei die magnetische Kraft auch von den wirklich großen Denkern der Philososphiegeschichte ausging, vor allemn von Kant und Fichte.
Am 23. Oktober 1790 immatrikulierte die Universität Jena Friedrich von Hardenberg.
Friedrich von Hardenbergs Zeit in Jena war ein Zeit
Samstag, 12. September 2020
Von der Faszination für Novalis
Nicht nur im Werk, auch in der Kürze seines Lebens, auch in den äußeren Gegensätzen zwischen Alltagsleben und Dichtung, liegt eine Faszination an der Person, welche die Jahrhunderte spielend überdauert hat. Faszination für Novalis, für das ätherisch abgehobene, feinfühlige, romantische des Dichters, der Schmetterlinge lachen hörte, weniger aber für jenen Friedrich von Hardenberg, der als Beamter, als Bergbauingenieur seinen Alltag durchaus bestanden hat und auch in dieser Hinsicht weitere Pläne verfolgte, die nur durch seinen Tod einen plötzlichen Abbruch erfuhren.
Es gibt sie aber, die Verbindungslinien zwischen beiden Existenzen. Es sind nicht zwei Seelen die in einer Brust konkurrierten. Aber man muss schon genau hinschauen, um das eine im anderen zu erkennen und den Dichter aus dem Alltagsleben heraus mit ableiten zu können. Gerhard Schulz schaut genau hin und ist in der Lage, diese Verbindungen aufzuzeigen, indem er das Leben des Friedrich von Hardenberg biographisch nachzeichnet.
»Des Dichters Reich sey die Welt in den Focus seiner Zeit gedrängt«. Weite und konkretes Leben gehören beide hinzu, aus dem konkreten Alltagsleben heraus die Weite suchen und den Himmel berühren, schwerelos fast, das ist der Weg des Dichters Novalis, zu dessen Lieblingsworten jene umfassende Welt und das Universum zählten.
